Oleg Doroshin / stock.adobe.com Stärkerer Zusammenhalt, neue Wege in der Kommunikation, fachlicher Austausch und auch der kurze Draht zu regionalen Politikerinnen und Politikern – in Unterfranken machen fusionierte Innungen positive Erfahrungen.
Fusionierte Innungen machen positive ErfahrungenInnungslandschaft im Wandel: „Wir sind jetzt eine starke Truppe“
Das Beste ist die zwanglose Zusammenkunft, nachdem die Regularien abgearbeitet sind: Dann diskutieren die Mitglieder der Innungsversammlung lebhaft über aktuelle Themen. Ähnlich lebhaft geht es bei den Stammtischen zu. „Ich kann einfach nicht verstehen, warum da manche nicht kommen“, sagt Marcel Scherg. Der 46-Jährige aus Steinbach sitzt der im Herbst letzten Jahres fusionierten Bäckerinnung Mainfranken vor. Schon sein Vater war Bäcker und in der Innung aktiv. Marcel Scherg stieg vor zehn Jahren in die Innungsarbeit ein. Neun Jahre war er stellvertretender Obermeister, anschließend fungierte er ein Jahr als Obermeister der „alten“ Bäckerinnung Mainfranken.
Seit Oktober 2025 steht er an der Spitze der damals fusionierten Innung. Der gehören nun 104 Betriebe in Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld, Kitzingen, Mainfranken sowie Schweinfurt und Haßberge an. Notwendig wurde die Fusion, weil die kleineren Innungen keine Obermeister mehr gefunden hätten. Marcel Scherg sieht die Entwicklung in Mainfranken keineswegs als negativ an: „Wir sind jetzt eine starke Truppe.“ 16 Mitglieder engagieren sich im Vorstand, vier Stellvertreter stehen ihm als Obermeister zur Seite.
Bundesweiter Rückgang
Handwerkskammer Unterfranken
Bundesweit betrachtet allerdings ist der Trend alles andere als positiv. Die Zahl der Innungen ist seit 1996 um 35 Prozent zurückging, so eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung. In Unterfranken sank sie binnen zehn Jahren von 90 auf aktuell 62 Handwerksinnungen. Bestehende Innungen verlieren der Studie zufolge Mitglieder. Marcel Scherg lässt sich von solchen Daten nicht beeindrucken. Sein Ziel ist es, weitere Mitglieder in Mainfranken zu gewinnen:
„Macht irgendwo eine Bäckerei neu auf, gehe ich vorbei oder rufe an, um für unsere Innung zu werben.”
Zu jenen, die sich aktiv in der neuen Bäckerinnung Mainfranken engagieren, gehört Markus Gürsching, Bäckermeister aus Gerolzhofen. Der stellvertretende Obermeister schätzt ähnlich wie Marcel Scherg die Gemeinschaft in der Innung, vor allem den Mix aus Alt und Jung. „Wir Junge haben neue Ideen und es ist interessant, zu hören, was die Alten dazu sagen”, so der 35-Jährige. Der Austausch helfe aber auch konkret im Beruf. Neulich zum Beispiel war ein Kollege auf der Suche nach einem Fachmann, der Backmaschinen repariert. Solche Experten sind in der Region rar. Umso dankbarer war der Bäckermeister für die Tipps seiner Innungskollegen.
Infos aus erster Hand
Als wichtig sieht Markus Gürsching auch die von der Innung organisierten Vorträge an. „Wir haben soeben in der Vorstandschaft beschlossen, bei der nächsten Innungsversammlung einen Referenten zum Thema ‚E-Rechnung’ zu holen”, erzählt er. Dies sei der große Vorteil einer Innungsmitgliedschaft: „Man bekommt Infos zu Neuerungen aus erster Hand.” Aber auch von dem, was der Landesinnungsverband durchsetzt, profitieren die Betriebe, ergänzt Marcel Scherg. Er erinnert an die Corona-Zeit: „Ursprünglich sollten kleine Bäckereien geschlossen bleiben, weil man keinen Abstand halten konnte.“ Dies sei Dank des Landesinnungsverbands verhindert worden.
Natürlich ist der zeitliche Aufwand des Engagements nicht immer leicht zu bewältigen, zumal wenn man, wie Markus Gürsching, eine Frau und zwei kleine Kinder hat. Würde er Beruf, Familie und Engagement in der Innung unter einen Hut bekommen? Das hatte sich der Gerolzhofener durchaus gefragt, als er vor der Entscheidung stand, ob er künftig in der Vorstandschaft der fusionierten Bäckerinnung Mainfranken mitarbeiten solle. Allzu lange Bedenkzeit allerdings war nicht nötig. Dem Handwerker ist es ein großes Anliegen, dass die Tradition der Innung weiterlebt.
Alte Zöpfe sollen weg
Ähnlich wie Marcel Scherg und Markus Gürsching sieht auch Schreinermeister Thomas Heußlein aus Birkenfeld die Innungsarbeit für sich als eine Art Mission an. Sein Vater Walter Heußlein, von 2016 bis 2021 Präsident der Handwerkskammer für Unterfranken, hatte ihn an die Innungsarbeit herangeführt. Sechs Jahre engagierte sich Thomas Heußlein als stellvertretender Obermeister in Main-Spessart. Seit zwei Jahren ist er Obermeister der 2024 fusionierten Schreinerinnung Mainfranken, die aus den früheren Innungen Würzburg, Kitzingen und Main-Spessart besteht. In der Fusionierung sah er von Anfang an die große Chance, „alte Zöpfe abzuschneiden“. Durch die Neuorganisation nach der Fusionierung gelang es, alles zu entrümpeln, was altbacken daherkam.
„Wir haben nun auch einen Social Media-Auftritt, das hat es früher nicht gegeben“, erzählt Thomas Heußlein. Die 69 Mitgliedsbetriebe werden regelmäßig durch Posts auf Instagram und Facebook über Veranstaltung oder auch das Thema Prüfungsausschüsse auf dem Laufenden gehalten. „Social Media hat uns einen Schub gebracht, wir erreichen dadurch vor allem junge Leute und erhielten bisher ausschließlich positives Feedback“, schwärmt der Schreinermeister. Wobei das Innungsleben natürlich nicht nur virtuell stattfindet.
Unverzichtbare „Update-Instanz“
Für Thomas Heußlein ist die Gruppe seiner Kollegen unverzichtbar:
„Der Austausch ist das Allerwichtigste.“
Die Innung selbst sieht der 45-Jährige als „Update-Instanz“ an. Bei den Innungsversammlungen, die viermal im Jahr organisiert werden, erfahren die Innungsmitglieder zum Beispiel mehr über aktuelle Gesetzesinitiativen. Bei der letzten Versammlung Ende Februar ging es zum Beispiel um das geplante Heizungsgesetz. Was sich als Meinungsprofil bei den Diskussionen herauskristallisiert, transportiert der Oberbürgermeister dann an regionale Abgeordnete. Die erlebt er als sehr unterstützend. Nicht zuletzt das Gefühl, durch die Innungsarbeit politisch Einfluss nehmen zu können, sagt Thomas Heußlein, hält ihn trotz der zeitlichen Belastung neben Job und Familie mit großem Spaß bei der Stange.